Der Sammler

Er ist mir schon oft aufgefallen. Ein Mann mittleren Alters, immer in abgetragener Kleidung, Zauselbart und sehr ruhig. Sein ständiger Begleiter: ein Handwagen. Vom ersten Eindruck her niemand, den man gerne anspricht oder von dem man gerne angesprochen werden möchte. Oft sehe ich ihn, wenn ich meinen Sohn in den Kindergarten bringe. Um die doch recht frühe Zeit ist er schon unterwegs und dreht seine Runde. Eine Runde, die sehr groß ist. Er liest das auf, was anderen nichts mehr wert ist und achtlos weggeworfen wurde. Gläser, Flaschen, Schrott und alte Kleinteile. Alles, was ihm ein wenig Geld einbringt und dabei hilft, sein karges Leben ein wenig schöner und lebenswerter zu machen. Ja, auch solche Menschen gibt es. Die nichts – aber auch gar nichts mehr haben und vom Abfall der anderen leben müssen.

Heute Morgen habe ich ihn beim Bäcker getroffen. Dort hat er sich Brot vom Vortag abgeholt. Zum halben Preis. Für ihn ein Festmahl. Die nette Bäckersfrau packt es ihm immer gut ein, damit es nicht so schnell trocken wird. Als er das Geschäft verlies, erzählte sie mir ein wenig über ihn. Er hat wohl irgendwo eine kleine Wohnung, lebt aber sehr zurückgezogen. Weil die Leute ihn immer so schlecht behandelt haben. Er war nicht immer ein Außenseiter, aber die Umwelt hat ihn wohl dazu gemacht. Niemand versteht, warum er diese Dinge sammelt. Alle finden das asozial. Für ihn ist es ein kleiner Zuverdienst. Und er fühlt sich verantwortlich. Denn durch sein sammeln würde er schließlich auch dazu beitragen, dass die Straßen ein wenig sauberer sind. Und das ist wiederum sein Beitrag für die Stadt, in der er lebt.

Ich habe mir vorgenommen, ihn nicht mehr zu ignorieren. Denn er tut mir leid und ich kann ihn nun verstehen. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, werde ich ihn wenigstens anlächeln. Ein großer Schritt für mich. Ich hoffe er erkennt das.

In diesem Sinne: armes Deutschland

Eure Anna

Über Anna Miller

Mein Name ist Anna Miller, ich bin Baujahr 1974. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich wohlbehütet unter der Fahne des Arbeiter- und Bauernstaates. Ich war Mitglied bei den Jung- und Thälmannpionieren, um dann nahtlos in die FDJ zu wechseln. Dort schaffte ich es bis in die GOL und kümmerte mich um die Feriengestaltung unserer Hortkinder und die Organisation diverser Kinder- und Jugendfeste. Um gleich etwaige Vorurteile aus dem Weg zu räumen: Dies hatte nichts mit Parteiarbeit oder ähnlichem zu tun. Damals war es noch üblich, dass auch in den Ferien die Kinder der unteren Klassenstufen in der Schule betreut werden. Zu meinen Aufgaben zählte zum Beispiel die Organisation von Schwimmbad- und Kinobesuchen, Bastelnachmittagen und ähnlichen Aktionen. Da mit dem Ende meiner Schulzeit auch Schluss mit dem Arbeiter- und Bauernstaat war, musste ich mich mit der harten Realität des Kapitalismus auseinander setzen und mir eine Lehrstelle suchen. Die Zeiten, in denen davon genug zur Verfügung standen, fein säuberlich aufgelistet in einer Broschüre die sich „Lehrstellenverzeichnis“ nannte, gehörten nämlich ebenfalls der Vergangenheit an. Aber ich hatte Glück. Durch alte „Beziehungen“, konnte ich eine Lehre zum Augenoptiker ergattern und absolvieren. Nicht mein Traumberuf, aber es war ein Beruf und ein Start in das vor mir liegende Leben. Nach Beendigung meiner Lehre war ich 10 Jahre in diesem Beruf tätig. Da Arbeiten aber nicht alles ist, was ein Leben so ausmacht, beschloss ich, mich nebenbei der Familienplanung zu widmen. Und wie es so ist mit dem planen – nicht alles klappt auf Anhieb. Geklappt hatte es erst, nachdem sich der potenzielle Vater meines nun inzwischen schulpflichtigen Sohnes entschloss, seine Familienplanung noch etwas auf Eis zu legen. Das Ende vom Lied: Ich bin eine alleinerziehende Mutti, die sich um ein kleines Sorgenkind kümmern muss. Der liebe Gott hat es mit meinem Sohn leider nicht ganz so gut gemeint und ihm einige Krankheiten mit auf den Weg gegeben. Unter anderem eine Entwicklungsstörung, die nach viel Förderung in verschiedenen Bereichen verlangt. Der Vater meines Sohnes beteiligt sich am Leben seines Kindes fast ausschließlich in Form der ihm gesetzlich vorgeschriebenen finanziellen Unterstützung. Durch die fast täglichen Termine mit meinem Sohn bei diversen Therapeuten und Frühförderstellen war es mir nach der Elternzeit nicht mehr möglich, in meinen alten Beruf zurück zu kehren. Ein kleines - noch dazu krankes - Kind und die Arbeitszeiten im Handel lassen sich einfach nicht miteinander vereinbaren. Und somit entschied ich mich, in die Selbständigkeit zu wechseln. Für mich damals die einzige Möglichkeit, nicht von Hartz IV leben zu müssen. Ich träumte von Heimarbeit, die ich notfalls auch dann machen konnte, wenn Sohnemann krank ist oder schläft. Büroorganisation und Telefonservice war das, was mir vorschwebte. Was mir angeboten wurde, war ein bunter Strauß voll Betrügereien und Abzockereien. Ich hatte nun inzwischen schon einiges in meinem Leben mitgemacht und erlebt, aber was ich während dieser Zeit an Niederträchtigkeit und Skrupellosigkeit erleben musste, sprengt glaube ich jede Vorstellungskraft. Weil die Zahlungsmoral meiner Kunden teilweise genau so schlecht war wie ihre Absichten und durch zusätzliche private Schicksalsschläge, musste ich mein Leben neu überdenken und ordnen. Da ich schon immer sehr gerne geschrieben und gelesen habe, war für mich der Zeitpunkt gekommen, mein Hobby zum Beruf zu machen. Wobei der Begriff „Beruf“ das falsche Wort ist. Für mich ist es viel mehr. Es ist meine Berufung. Schreiben ist genau das, was mir Spaß macht, wo ich mit Freude dabei sein kann und was mich und mein Leben am ehesten widerspiegelt. Eine Ausbildung in dieser Richtung habe ich nicht. Ich bin der Meinung, dass man Kreativität und/oder Talent nicht antrainiert bekommen kann. Entweder man hat es, oder eben nicht. So etwas muss von Herzen kommen, man muss eine Verbindung eingehen können. Man muss es leben und fühlen. Und ich glaube, dass ich dies recht intensiv mache. Und somit schreibe ich Artikel in unterschiedlichsten Längen für Zeitungen und Zeitschriften, übernehme Auftragsarbeiten und stehe auch als Texter und Skriptschreiber zur freien Verfügung. Wer in dieser Richtung Aufträge zu vergeben hat, darf sich gerne an mich wenden. Eine Kontaktaufnahme ist über anna-miller(at)o2online.de möglich.

Veröffentlicht am 26. März 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. liebe anna,

    er wird das sicher erkennen. schade, dass nur wenige so denken, wie du.

    Liebe Grüße, Katerwolf

  2. Hallo,
    ja, ich finde es auch schade. Und vor allen Dingen bin ich
    schockiert, was die gesellschaft aus einem machen kann.

    Liebe Grüße
    Anna

  3. Oh Anna, wenn Du nur wüsstest, was für eine Freude Du ihm mit einem Lächeln bereiten wirst. Wie schön. Danke…

  4. Liebe Sherry,

    ja, man kann auch mit kleinen Gesten viel Freude bringen.

    Liebe Grüße
    Anna

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