Der Zahn

Gestern Mittag ist mir ein Stück von meinem Eckzahn abgebrochen. Einfach so – ohne Vorwarnung. Wie immer, wenn mich was ereilt, kurz vor einem Feiertagswochenende. Also rief ich gleich bei meiner Zahnärztin an, um noch einen Termin für den Nachmittag zu vereinbaren. Denn Ostern wollte ich nicht so rumlaufen. Und wer weiß, was daraus noch geworden wäre. Ich hatte schon einmal einen Zahn, der an einem Freitagnachmittag Hilfe benötigte und Sonntag wurde er dann gezogen, weil sich was entzündet hatte und mein Gesicht ganz dick war. Ich bin also ein gebranntes Kind und gehe bei diesen Dingen immer sofort los, um Abhilfe zu schaffen.

Als ich dort anrief, wurde mir leider mitgeteilt, dass meine Zahnärztin in den Ruhestand gegangen ist, eine Kollegin aber ihre Praxis übernimmt. Zwar erst zum 06.04.2010 (also nach Ostern), aber ich könnte in ihre alte Praxis fahren und sie würde mir auf jeden Fall was zaubern. Gar kein Problem, das bekommen wir hin. So waren die Worte der netten Sprechstundenhilfe am Telefon.

Also machte ich mich am Nachmittag samt Kind auf den Weg in besagte alte Praxis. Das Wort „alt“ traf es wirklich. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt. Aber nun gut, man lernt nie aus. Und auf Schönheit wollte ich auch nicht achten. Die Dame sollte nur meinen Zahn wieder schön machen, damit ich wieder normal sprechen und lachen kann. Kann man ja keinem antun, mit solch einem abgebrochenen Zahn zu reden. Sieht ja nicht schön aus. Als ich das Wartezimmer betrat, telefonierte die Ärztin gerade mit irgendeiner Softwarefirma. Es ging wohl um das Zusammenlegen der Praxisakten. Sie telefonierte und telefonierte und telefonierte…

Irgendwann setzte ich mich dann hin, weil es mir einfach zu blöd war, ihr Gespräch mit „Herrn Hans“ weiter im Stehen zu verfolgen. Nach geraumer Zeit legte sie dann auf und widmete mir ein wenig ihrer kostbaren Aufmerksamkeit. Ich sagte meinen Text auf und sie unterbrach mich schon forsch nach geschätzten drei Worten. „Na ja, Sie waren ja auch schon lange nicht mehr da.“ Ähm, wie bitte? Woher will diese, mir bisher fremde Person, wissen, wann ich das letzte Mal bei einem Zahnarzt war? Hat sie bei meiner Krankenkasse angerufen? Steht das im Internet? War meine alte Zahnärztin die einzige in Deutschland? Na ja, kein gelungener Start für eine Zusammenarbeit. Gerade was den Zahnarzt betrifft, lege ich großen Wert darauf, mich wohl zu fühlen. Denn das ist immer kein leichter Gang für mich. Ich bin nämlich der größte Schisser den es gibt. Zu viele schlechte Erfahrungen in dieser Richtung kreuzten schon meinen Weg.

Aber das war auch erst der Anfang ihrer vielen Fettnäpfchen, die sie aufgestellt hatte, um genau mitten rein zu treten. „Zeigen Sie mal“. Was denn? Die Lücke, das abgebrochene Stück? Ich zeigte ihr einfach beides. „Das wird heute nichts. Da ist nichts abgebrochen, das ist ein überkronter Zahn. So schnell kann ich Ihnen da nicht helfen. Das dauert.“ Nachdem sie ihre Wortsalve losgedonnert hatte, versuchte ich zaghaft einzuwenden, dass dies ein normaler Zahn ist und kein überkronter. „Natürlich ist das eine Krone. Das sehe ich doch.“ Zur Verstärkung wurde noch die Arzthelferin dazu gerufen. Gemeinsam ist es nämlich leichter, einen Patienten fertig zu machen.

Ich versicherte ihr, dass es ganz sicher keine Krone ist, denn in meinem Mund befindet sich nicht ein Stück „falscher Zahn“. Alles eigene Zucht. Sie ritt immer weiter darauf herum, dass es sehr wohl eine Krone ist. Zu dieser Zeit saß sie aber immer noch ca. 1,5 Meter von mir entfernt hinter dem Tresen im Wartezimmer und machte ihre Diagnose. Ohne mir genau in den Mund zu schauen, ohne auch nur irgendeine Akte von mir. Mein Mut, in absehbarer Zeit einen intakten Zahn zu bekommen, schwand immer mehr. Ich war über diese Frechheit, wie ich da behandelt wurde, innerlich so erregt, das ich sogar anfing zu weinen. Das ging mir alles so nah. Es tut mir leid, aber auch Mutti ist nur ein Mensch. Dieses wiederum nahm sie natürlich gleich als Anlass, mich deswegen auch noch runter zu putzen. Warum ich denn nun weine, es gäbe doch keinen Grund. Sie bekommt so schnell keinen neuen Zahn ran und wenn sie mir da nur was „dran klatschen“ würde, dann würde das auch nur eine halbe Stunde halten. Ach ja, und auch kein anderer Zahnarzt könnte mir da so schnell helfen. Und schließlich sieht man das auch gar nicht. Der Zahn ist ja nicht vorne? Wo ist er denn? Meine Eckzähne sind vorne. Und man sieht es sehr deutlich, wenn ich spreche. Oh, und noch ganz wichtig: ich soll einfach nichts Heißes, Kaltes oder Süßes essen, dann passiert da auch nichts. Und nicht auf der Seite kauen. Wie soll ich das denn bitte schön zu Ostern machen? Da gibt es Naschereien und lecker Essen. Soll ich auf Puddingsuppe umsteigen?

Ok, ich könnte Dienstag einen Termin haben und dann würde sie anfangen, mir „meine Krone“ wieder herzurichten. Hatte ich schon erwähnt, dass ich keine Krone habe? Da die Dame ja aber vom Fach ist, hat sie selbstverständlich immer recht. Vor allen Dingen nach ihrer ausführlichen Diagnose.

Also schrieb sie mich für Dienstag in ihren Planer ein und ich trottete samt Kind und mit abgebrochenem Zahn wieder Richtung Heimat. Da ich ein positiv denkender Mensch bin, habe ich ihr den Praxiswechsel und das Quartalsende zu Gute gehalten. Vielleicht hatte sie durch den ganzen Stress nur einfach schlechte Laune und ich habe es abbekommen.

Letzte Nacht konnte ich trotzdem nicht schlafen. Zum einen, weil ich Angst hatte, das mein Gesicht wieder wie ein Ball aussieht, aber auch weil mir ihr dämliches Verhalten nicht aus dem Kopf ging. Musste ich mir das wirklich gefallen lassen? Und will ich mich von so einer behandeln lassen? Und das erst in knapp einer Woche? Darum beschloss ich, mich heute Morgen noch einmal ans Telefon zu setzen und die Gelben Seiten nach einem fähigen und sympathischen Zahnarzt zu durchforsten. Und siehe da, es gab jemanden, der mir helfen wollte. Heute und auch richtig.

Nun sitze ich hier, habe wieder einen kompletten Zahn im Mund und kann das Osterfest in vollen Zügen genießen. Ach ja, und es war keine Krone, sondern ein normaler Zahn. Tja, ich kenne mich halt doch am Besten in meinem Mund aus.

In diesem Sinne: nicht die Nerven verlieren.

Eure Anna

Über Anna Miller

Mein Name ist Anna Miller, ich bin Baujahr 1974. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich wohlbehütet unter der Fahne des Arbeiter- und Bauernstaates. Ich war Mitglied bei den Jung- und Thälmannpionieren, um dann nahtlos in die FDJ zu wechseln. Dort schaffte ich es bis in die GOL und kümmerte mich um die Feriengestaltung unserer Hortkinder und die Organisation diverser Kinder- und Jugendfeste. Um gleich etwaige Vorurteile aus dem Weg zu räumen: Dies hatte nichts mit Parteiarbeit oder ähnlichem zu tun. Damals war es noch üblich, dass auch in den Ferien die Kinder der unteren Klassenstufen in der Schule betreut werden. Zu meinen Aufgaben zählte zum Beispiel die Organisation von Schwimmbad- und Kinobesuchen, Bastelnachmittagen und ähnlichen Aktionen. Da mit dem Ende meiner Schulzeit auch Schluss mit dem Arbeiter- und Bauernstaat war, musste ich mich mit der harten Realität des Kapitalismus auseinander setzen und mir eine Lehrstelle suchen. Die Zeiten, in denen davon genug zur Verfügung standen, fein säuberlich aufgelistet in einer Broschüre die sich „Lehrstellenverzeichnis“ nannte, gehörten nämlich ebenfalls der Vergangenheit an. Aber ich hatte Glück. Durch alte „Beziehungen“, konnte ich eine Lehre zum Augenoptiker ergattern und absolvieren. Nicht mein Traumberuf, aber es war ein Beruf und ein Start in das vor mir liegende Leben. Nach Beendigung meiner Lehre war ich 10 Jahre in diesem Beruf tätig. Da Arbeiten aber nicht alles ist, was ein Leben so ausmacht, beschloss ich, mich nebenbei der Familienplanung zu widmen. Und wie es so ist mit dem planen – nicht alles klappt auf Anhieb. Geklappt hatte es erst, nachdem sich der potenzielle Vater meines nun inzwischen schulpflichtigen Sohnes entschloss, seine Familienplanung noch etwas auf Eis zu legen. Das Ende vom Lied: Ich bin eine alleinerziehende Mutti, die sich um ein kleines Sorgenkind kümmern muss. Der liebe Gott hat es mit meinem Sohn leider nicht ganz so gut gemeint und ihm einige Krankheiten mit auf den Weg gegeben. Unter anderem eine Entwicklungsstörung, die nach viel Förderung in verschiedenen Bereichen verlangt. Der Vater meines Sohnes beteiligt sich am Leben seines Kindes fast ausschließlich in Form der ihm gesetzlich vorgeschriebenen finanziellen Unterstützung. Durch die fast täglichen Termine mit meinem Sohn bei diversen Therapeuten und Frühförderstellen war es mir nach der Elternzeit nicht mehr möglich, in meinen alten Beruf zurück zu kehren. Ein kleines - noch dazu krankes - Kind und die Arbeitszeiten im Handel lassen sich einfach nicht miteinander vereinbaren. Und somit entschied ich mich, in die Selbständigkeit zu wechseln. Für mich damals die einzige Möglichkeit, nicht von Hartz IV leben zu müssen. Ich träumte von Heimarbeit, die ich notfalls auch dann machen konnte, wenn Sohnemann krank ist oder schläft. Büroorganisation und Telefonservice war das, was mir vorschwebte. Was mir angeboten wurde, war ein bunter Strauß voll Betrügereien und Abzockereien. Ich hatte nun inzwischen schon einiges in meinem Leben mitgemacht und erlebt, aber was ich während dieser Zeit an Niederträchtigkeit und Skrupellosigkeit erleben musste, sprengt glaube ich jede Vorstellungskraft. Weil die Zahlungsmoral meiner Kunden teilweise genau so schlecht war wie ihre Absichten und durch zusätzliche private Schicksalsschläge, musste ich mein Leben neu überdenken und ordnen. Da ich schon immer sehr gerne geschrieben und gelesen habe, war für mich der Zeitpunkt gekommen, mein Hobby zum Beruf zu machen. Wobei der Begriff „Beruf“ das falsche Wort ist. Für mich ist es viel mehr. Es ist meine Berufung. Schreiben ist genau das, was mir Spaß macht, wo ich mit Freude dabei sein kann und was mich und mein Leben am ehesten widerspiegelt. Eine Ausbildung in dieser Richtung habe ich nicht. Ich bin der Meinung, dass man Kreativität und/oder Talent nicht antrainiert bekommen kann. Entweder man hat es, oder eben nicht. So etwas muss von Herzen kommen, man muss eine Verbindung eingehen können. Man muss es leben und fühlen. Und ich glaube, dass ich dies recht intensiv mache. Und somit schreibe ich Artikel in unterschiedlichsten Längen für Zeitungen und Zeitschriften, übernehme Auftragsarbeiten und stehe auch als Texter und Skriptschreiber zur freien Verfügung. Wer in dieser Richtung Aufträge zu vergeben hat, darf sich gerne an mich wenden. Eine Kontaktaufnahme ist über anna-miller(at)o2online.de möglich.

Veröffentlicht am 1. April 2010, in Allgemein. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. poh, du arme und so eine blöde gurke, oder? schön, dass du über ostern wieder kraftvoll zubeißen kannst!

    liebe grüße, katerwolf

  2. Vielen Dank meine Liebe. Ja, das war eine ausgesprochen unsymphatische Zeitgenössin. Warum auch immer. Ich hatte ihr auf jeden Fall nichts getan.

    Liebe Grüße
    Anna

Hier darfst Du schreiben!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: